Du sagst, Du liebst mich, das lasse ich so stehen, erwidere nichts. Was sollte ich auch sagen, an diesem wunderschönen Tag? Die Sonne scheint über uns und wir stehen in diesem Feld, das wir von der Landstraße gesehen hatten. Was Dich daran anzog, wusstest Du nicht. Wie so oft ging ich einfach mit Dir. Welche Wahl hatte ich überhaupt? Ich hätte sonst noch im Auto bleiben können, bei offener Tür, die Füße auf den Asphalt gestellt, denn um diese Uhrzeit passierte auf der Straße nichts. Also nahmst Du meine Hand und wir verschwanden in diesem Grün. Doch die Hitze machte mich misstrauisch. Die Vögel zwitscherten wie in einem alten Song aus einem noch älteren Radio und vielleicht brach mir das Herz in diesem Moment, als ich spürte, dass wir nicht mehr waren als Staub und Geröll in einem gigantischen Raum, stets dazu verdammt, stets neue Formen zu finden, sich zu binden und wieder zu lösen, aber unfähig für wahre und echte Freiheit. Seit diesem Tag habe ich Dir nichts mehr zu sagen, verstehst Du? Es ist mir nicht egal, aber es gibt einfach keinen Grund mehr.




Kennen Sie das Gefühl, wenn sich die Welt aus den Angeln hebt? Ziemliche Phrase, ich weiß. Aber so geht es mir in diesem Zimmer. Wie ich hierhin gekommen bin? Das kann ich nicht sagen. Ich höre sie noch. Wie sie hinter der Tür sprechen. Manchmal schlägt jemand gegen die Wände. Ich sitze ganz ruhig auf dem Boden. Feuchtigkeit klebt auf meinen Wangen. Vielleicht weine ich. Lassen Sie sich gesagt sein: In so einer Situation lässt sich das doch sehr schwer sagen. Ein Lufthauch zieht durch eine der Ritzen in den Wänden und es riecht nach Blumen. Das kann nicht sein, werden Sie denken. Aber es erinnert mich an unseren Garten, dort, wo wir einst zusammen picknickten, wo Sarah das Sommerkleid trug, unter den Apfelbäumen, über uns der Himmel und die Unendlichkeit und ich weiß bis jetzt, dass dieser Moment nie enden sollte, aber enden musste, wie alle Momente. Daran denke ich gerade. Und an so viele andere Dinge. Wie ich als kleines Kind mir das Knie auf dem Straßenpflaster aufschlug und meine Mutter die Wunde mit einer Bürste reinigte. Ich streichle mir über die Stelle und lächle. Jetzt läuft eine Träne über meine Wange, sehr sicher. Ich lege meinen Kopf auf meine Knie und überlege weiter. Das Poltern wird lauter und lauter. Auch dieser Moment muss enden, nicht? Aber ich will nicht aufstehen, ich will sitzenbleiben und die Zeit mich davontragen lassen. Mir wird schwindelig und heiß. Meine Füße kribbeln, als ich weine. Ja, doch, vergessen Sie den Blödsinn mit der Welt aus den Angeln. Nichts ist aus den Angeln. Es ist, wie es ist: Ich in diesem Raum. Meine Gedanken bei einem Sommerkleid, das es seit Jahrhunderten nicht mehr gibt. Dann der Knall. Die Tür öffnet sich. Ich atme ein und die Luft brennt in meinen Lungen. Dann höre ich sie. Ich lächle, weil ich nicht anders kann.



Ich lag in dem Raum ohne Ausgang und stellte mir die geschlossene Tür vor, konnte an nichts sonst für den Moment denken. Es drang kein Licht durch kein Fenster und keine Ritze. Die Haare auf meinen Armen stellten sich auf. Ich fror. Meine Augen tränten, meine Finger versteiften sich. Die Dunkelheit des Raums zog sich um mich zusammen. Die Wände rückten an mich heran. Mein Puls dröhnte in meinem Kopf in einem Rhythmus, den mein Körper aus Urzeiten kannte. Es roch nach Rost. Ich hörte in der Ferne ein Poltern. Im Gang musste es einen Unfall gegeben haben. An meinem Hinterkopf spürte ich den harten Beton, die Struktur des Bodens. Ich rührte mich nicht. Jede Bewegung hätte Kraft gekostet. In der Dunkelheit spürte ich die Feuchtigkeit des Raums, die sich auf mich legte. Ich schwitzte an den Händen, am Rücken, im Nacken, obwohl es in diesem Raum nicht mehr als fünf Grad sein konnten. Mein Hemd klebte an meinem Oberkörper, die Nässe presste sich an mich. Ich atmete, daran erinnere ich mich deutlich, ich atmete und ich atmete im Rhythmus mit meinem Puls und dann entglitt es mir und alles geriet aus dem Takt und ich lag da, konnte mich nicht bewegen und ließ diese Dissonanzen über mich hinwegrollen. Wieder das Poltern wie ein Donner eines Gottes der Antike. Dieses Mal in einem anderen Gang. Ich wimmerte, kniff meine Augen zusammen, zog meine Beine an den Körper. Ich wollte verschwinden. Egal, was mich verschlingen würde. Ein Wort fuhr durch mich hindurch: Nein. Nein. Nein. Nein. Was nicht sein durfte, konnte nicht sein. Das Poltern direkt vor der Tür. Ich hörte die Vibration des Holzes, malte mir in der Dunkelheit aus, was folgen würde. Ich strampelte und schob meinen Körper in eine Ecke, drückte mich hinein. Tränen liefen über mein Gesicht. Dann hörte ich das Geräusch der Klinke, die sich langsam senkte. Und mir war klar: Es ist vorbei. Was nicht sein durfte, konnte sein. Ich sah seit langer Zeit zum ersten Mal wieder Licht, das aus dem Flur in mein Zimmer drängte. Dann ging es zum alten Wagen nach draußen und es nahm bald ein Ende.

© GESCHICHTEN AUS ZWEI STÄDTEN