Das Haus atmet. Ich höre es, wenn ich im Treppenhaus auf den obersten Stufen stehe, wenn ich seinen Kapillaren lausche, die hinter den Wänden arbeiten. Es riecht nach Staub. Die Hitze kriecht durch das offene Fenster unter mir im Zwischengeschoss der Treppe, weswegen das Haus überhaupt erst so schwer atmet, weswegen wir alle überhaupt so schwer atmen, die Bewohner und das Haus. In der Ferne schreit eine Meise. Auf den Stufen der Treppe zeichnet das Licht durch eben dieses offene Fenster mit den Schatten ein Bild, ein paar plumpe Striche, die eine Geschichte einer Königin in einem fernen Land erzählen, ein Märchen über eine böse Stiefmutter und eine Kröte, einen Apfel, den Tod und das gute Leben. Ich setze mich auf die Stufen und schaue nach unten. Mit der Zeit verändert sich das Bild, verschieben sich die Schatten, verblasst das Licht, und ich sehe die Kröte nicht mehr, dann keinen Apfel, keine Königin und keine Stiefmutter mehr, der Tod verschwindet und auch das gute Leben. Das Haus atmet noch ein letztes Mal schwer aus, bevor endlich der Abend anbricht.


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An einem Samstagabend fing Arn damit an, sich im Wasser seiner Badewanne aufzulösen. Er hatte keinen besonderen Entschluss dazu gefasst, vielmehr war es ein Gedanke, der ihm einfach so kam, während das lauwarme Wasser um seinen Körper floss. Zuerst lösten sich nur kleine Teile seiner Haut und vermischten sich mit dem Wasser; ein Austausch fand statt, so wie zwischen Radfahrer und Sattel, zu deren Verhältnis mehrere Studien aussagten, dass ihr Materietausch während des Fahrens eine Unterscheidung zwischen Fahrrad und Radfahrer ab einer gewissen Zeit unmöglich macht. Doch Arns Auflösung lief weitaus schneller, schon verschwanden seine Hand, dann sein Arm, dann Teile seines Brustkorbs, und eine Unterscheidung brauchte es dann bald nicht mehr, denn nach neunundneunzig Minuten, die sich wie Jahre in dem Badezimmer erstreckten, waren dort in der Wanne nur noch Arn in seinem flüssigen Zustand, verteilt in den Kubikmetern aus Wasser und Schaum und Flusen, und die Kette des Abflussstöpsels schlug dazu einen traurigen, langsamen Takt gegen den Wannenrand. Arns Freundin fand ihn in der Nacht. Und es mag sein, dass stille Wasser tief sind, doch zumindest in den folgenden Stunden sollte sie ab und an noch Arns Umrisse auf der Oberfläche des Wassers erkennen, bis die Sonne endlich die Nacht vertrieb.


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Kiran und Lucas fanden den Vogel in den Schatten der Türme. Sie sahen ihn dort nur kurz, waren sich aber später beide sicher, dass sie dieses Tier dort gesehen hatten, sein schwarzes Federkleid gegen die Welt tragend. Der Vogel saß dort und starrte sie mit kalten Augen an, bevor ein Windstoß ihm unter die Flügel griff und ihn mit sich in die Dunkelheit und damit ins Nirgendwo trug. Kiran und Lucas sprachen den Rest des Tages nur noch das Nötigste.

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