BESTIARIUM: DRYADE



Manche Menschen glauben, Dryaden hätte es nie gegeben, aber sie könnten mit dieser Annahme kaum mehr irren. Bereits in der Antike nutzten Dryaden die Wurzelwerke von Efeu und Schwarzpappeln, deren Spitzen so weit unter die Erde reichen, dass sie dort die Zeit berühren. Aufgrund ihrer kleinen Statur ist es den Dryaden möglich, sich durch diese sich auftuenden Schlupflöcher zu bewegen, um so in manchen Epochen der Weltgeschichte gar nicht zu erscheinen, während sie etwa zu den Napoleonischen Kriegen oder der Stunde Null in Gebüschen und Wäldern zu finden waren. Ihr schüchternes Wesen sorgt dafür, dass nur wenige Menschen sie sehen. Doch die Schlupflöcher in Efeu und Schwarzpappel bieten ihnen nicht nur Zuflucht, sondern auch Schutz. Tief in der Erde finden sie jene Kammern, in denen die Zeit nicht mehr vergehen kann, sodass einzelne Dryaden die ersten Kutschen und den ersten Atombombenwurf gleichermaßen sahen und in ihren Leben nicht mehr als ein Wimpernschlag dazwischenlag.

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