BESTIARIUM: HIRSCH


»Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.« (Psalm 42,2)


Der Hirsch ist der Feind der Schlange. Wenn ein Hirsch eine Schlange entdeckt, spuckt er Wasser in das Loch, in dem sich die Schlange versteckt, und kommt die Schlange heraus, um Luft zu schnappen, so trampelt er sie zu Tode. Sieht sich ein Hirsch alleine auf einer Steppe oder dem Hang eines Berges, röhrt er in der Hoffnung, so weitere Hirsche anzulocken. Nicht wenige Jäger halten dies für einen majestätischen Anblick, mehrere Künstler haben ihn gar auf Gemälden festgehalten, stets in der Nähe der Hirsche mit ihrer Staffelei. Doch den Hirschen bleiben ihre Beobachter nicht verborgen. Sodass sie die Scheu vor dem Menschen verlieren, mit der Zeit in verschiedenen Gegenden die Angewohnheit entwickeln, sich Menschen und vornehmlich Frauen in den Dörfern zu nähern, den Atem aus den feuchten Nüstern ihnen in den Nacken blasend. Doch die Menschen und vornehmlich die Frauen haben bis heute kein Interesse an ihnen. Und sollte sich doch einmal ein Mensch und vornehmlich eine Frau umdrehen, macht der Hirsch unsichere Schritte zurück, stets die Frau im Blick behaltend, bis er in den Schatten verschwindet. Dort bleibt der Hirsch regungslos stehen und gleicht mit seinem Geweih einem opulenten Gebüsch, in dessen Gewirr sich nur noch die Träume von Schlangen finden lassen.

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