DIE HIMMELFAHRT AUS DEM OZEAN



Es fällt nicht vielen Menschen ein, ihre Profession, ihre Leidenschaft über ihre Grenzen hinaus zu tragen, doch Sus Ana tat genau dies. Als Schneiderin fand sie nur für sich nie die passende Form, nie das passende Muster, ihr Körper schien sich stets unter jedem Stoff zu winden, während sie sich an die Arbeit machte, um sich selbst ein Kleid zu nähen, stieß jede Seide, jede Wolle ab. Immer hatte sie bei ihrer Arbeit das Fenster geöffnet und lauschte dem Ozean, dass es nur folgerichtig war, dass sie nach sieben Jahren auf die Idee kam, sich mit dem Ozean zu vernähen, was ihr nicht schwierig erschien, gar leichter, als nur ein Stück für sich selbst zu nähen. Sieben Wochen saß sie in ihrem Zimmer und nähte und schneiderte, trieb am letzten Tag der Zeit endlich Nadel und Faden durch ihr eigenes Fleisch, vernähte sich mit den Wellen, viel inniger als sie es vorher gedacht hatte, ihre Finger mit dem Schaum der Wellen, ihren Rücken mit den Weiten des Ozeans und ihre Augen mit dem Flimmern des Horizonts über dem Ozean. Drei Tage, nachdem Sus Ana den letzten Stich gesetzt hatte, öffneten die Nachbarn ihre verschlossene Tür, fanden sie nicht, nur das harte Licht ihrer Lampen und das offene Fenster, durch das sie den Rausch des Ozeans hörten, aus dem jederzeit ein neuer Leviathan in den Himmel hinauffahren könnte.

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