ERGRIFFEN



An den Bergen brachen sich die schwarzen Wolken, während der Zug seine Waggons mühselig über die Gleise schob und Viola in einem der Abteile daran dachte, wie sich der Rest ihres Lebens beim nächsten Halt entscheiden würde. Die Blätter der Pflanze zwischen ihren Füßen wippten im Takt der Gleise. Die ersten Tropfen des Regens prallten auf die Scheibe. Es roch nach Staub aus alten Teppichen. Die Pflanze musste hinter den Bergen ihren Platz bekommen, so hatte sie es beschlossen. Viola betrachtete müde die Bahnen der Regentropfen auf der Scheibe. Sie spürte ein Stechen in ihrer Brust, atmete tiefer ein, damit der Schmerz wieder verschwinden würde. Viola konnte die Müdigkeit nach all der Mühe nicht mehr abschütteln, sie hätte so gerne mit der Pflanze getauscht, mit ihrem Wuchs, ihrer Unscheinbarkeit, doch musste sie erst diese letzte Aufgabe erfüllen. Das Wetterleuchten setzten genau in diesem Moment ein und Viola fielen die Augen zu. Ein leichtes Schnarchen kam ihr später aus der Kehle. Ihr müder Körper zog sich auf dem Sitz zusammen, wobei ihr linker Fuß den Topf mit der Pflanze leicht berührte und so umstieß. Als eine der Reinigungskräfte genau dreizehn Minuten später an ihrem Abteil vorbeiging, die Pflanze und die Erde auf dem Boden entdeckte, sie ergriff und in einen blauen Müllsack steckte, brach sich der Donner zum ersten Mal seine Bahn in diesem für die Region doch sehr mildem Gewitter.

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