VON DER ZEIT UND DEM SCHIFF


Er konnte sich nicht daran erinnern, wann es zuletzt so fürchterlich war. Sehnsucht nach festem Boden. Trittfestigkeit. Keine Planken, keine Bretter, dafür Erde und Steine und Fossilien und Würmer und Asseln und weit darunter der glühende Erdkern. So bemerkte er nur Wasser und den Wind. Die rechte Seite des Schiffs hob sich, bevor das Wasser die linke Seite anhob, ganz zärtlich, aber eben beständig, dass ihm nicht besser wurde. Er legte sich auf den Boden, der Schwindel, die Übelkeit. Er musste würgen, ein wenig Magenflüssigkeit breitete sich in seinem Mund aus. Es hatte schlimmere Momente in seinem Leben, dessen war er sich sicher. Auch wenn sie ihm gerade nicht einfielen.

Für ein Experiment der preußischen Akademie der Wissenschaften hatte jenes von den Wellen gehobene Schiff mehrere mannshohe Pendeluhren im Inneren geladen. Ein badischer Gelehrter hatte mit seiner Entdeckung für Aufsehen gesorgt, dass Pendeluhren sich gegenseitig in einen gemeinsamen Takt bringen, dass sie einen Rhythmus finden. So müsse eine universale Zeit zu finden sein, schloss der badische Gelehrte, es müssten nur genug Uhren in einem Raum sein, der sich möglichst weit entfernt von menschlichen Einflüssen jeder Art befand.

Er sah sich selbst dort liegen, diesen blassen Körper in dieser blauen Uniform, dessen Brustkorb sich hob und senkte, hob und senkte. Atmen. Atmen. Atmen. Er war nicht tot. Er sah das Heben und Senken der Brust an sich selbst, an seinem Körper, diesem stehenden Körper.

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